Trude

Heute möchte ich über das Thema Scham und Selbstannahme schreiben. Nein, keine Angst, das hier wird kein psychologischer Blogeintrag, doch hat mich ein Buch bei diesem Thema sehr abgeholt.

Kennt ihr das auch, dass ihr euch ständig fragt, ob euer Verhalten irgendwo anecken könnte? Ob ihr bewertet werdet und nicht gut genug seid? Für mich ist es unglaublich schwer, eine Mutter zu sein, die meiner Vorstellung einer guten Mutter entspricht. Es ist ein Ideal, welches für mich nicht zu erreichen ist und an dem ich fast zerbrochen bin. (Darum füllt sich dieses Blog hier auch gerade sehr sehr langsam und unregelmäßig…)

Seht dagegen unsere Kinder an. Seht ganz genau hin und dann sagt mir: Zweifeln unsere Kinder an sich? Schämen sie sich, weil sie meinen, dass andere Kinder oder Menschen schlecht von ihnen denken? Meine kleine Leseratte ist nun fast 5 Jahre alt und sie kann sich noch immer freuen, wenn sie am Tisch pupst. Vor allem lacht sie, weil wir Erwachsenen so überrascht sind. Es ist etwas völlig Natürliches. Anders, wir Erwachsenen. Ein Pups? – Wie peinlich!!! Ich wünschte, Menschen würden sich immer auf diese Weise lieben, wie sie es tun, wenn sie klein sind.

In dem Buch, welches ich euch heute gern vorstellen möchte, geht es um die Kuh Trude, die auf ihrer Weide Besuch bekommt von zwei Kindern – erst Willi und dann Grete. Sie hat kein besonders gutes Bild von sich und wird durch die Kinder zum Umdenken bewegt. Das führt sogar dazu, dass Trude ihre Bestimmung und ihren Platz im Leben findet.

Willi pflückt auf Trudes Weide Blumen, als der Kuh plötzlich ein Pups entweicht. Das ist für Trude sehr beschämend, weil sie meint, dass Willi sich ekeln würde. Der Junge jedoch ist mit seiner Aufmerksamkeit absolut bei den Blumen und auch, als er dann schnuppert, ist es für ihn nicht ekelig, sondern Landluft, die gut nach Kuh riecht. Das ist unerwartet für Trude.

Im zweiten Teil kommt Grete mit ihrer Trompete zu den beiden dazu und klettert über den Zaun. Doch, oh Schreck, sie bleibt hängen und fällt in einen Kuhfladen. Wie peinlich für Trude, die ja diesen Fladen produziert hat. Doch statt zu schreien oder zu weinen, steht Grete einfach auf und spielt weiter. Nun rieche sie wenigstens auch wie eine Kuh.

Trude ist verwirrt ob der Toleranz der Kinder und entspannt sich. Umso mehr, als sie Gretes Trompete findet uns sich zueigen macht. Was die Kuh mit der Trompete anstellt und wie sie ihren Weg im Leben macht, das solltet ihr euch selbst in diesem bunten Buch von Andreas Ulrich und Peter Engel anschauen. Ich sage nur: Musik und Indien spielen eine nicht unerhebliche Rolle. Es ist faszinierend, wie frei nicht nur Kühe, sondern auch wir Menschen sein können, wenn wir uns mit all unseren Ecken und Kanten annehmen und lieben.

Die Doppelreime von Andreas Ulrich sind witzig und haben diesen Grad an Absurdität, den ich sehr schätze. Die Geschichte läuft dabei nicht nach Schema F ab, sondern nimmt im dritten Teil eine neue und unerwartete Wendung, die die Leseratte und ich sehr toll finden.

Peter Engels Bilder unterstreichen die Absurdität des Textes und der Situation in der sich Trude befindet. Am meisten schätze ich die perspektivische Verzerrung der Weide und der Welt. Ich komme mir vor, wie in einem bunten Traum. Mit der Darstellung von Trude, der Kuh, hatte ich zu Beginn meine Probleme, weil sie in mir den Eindruck erweckt, etwas dümmlich zu sein. Am Ende ist das aber subjektives Empfinden und passt vom Stil super in das Gesamtbild.

Das Buch war, als ich es vom Verlag edition buntehunde zugesendet bekommen habe, erst einmal schwierig anzusehen – das muss ich ehrlicherweise zugeben. Dieser offene Umgang mit Fäkalien war für mich unangenehm. Doch wenn man sich darauf einlässt und diese Problematik des Schämens und der Selbst- und Fremdwahrnehmung einmal genauer betrachtet, so ist dieses Buch sehr wertvoll.

Wir Menschen denken oft viel schlechter und schlimmer von uns, als wir von anderen Menschen wahrgenommen werden. Darum ist es wichtig, einfach einmal zu prüfen, ob etwas, was wir getan oder gesagt haben, wirklich schlecht beim Gegenüber ankam. Und wir Menschen haben einen Vorteil gegenüber der Kuh Trude: Wir können einfach die andere Person fragen, wie wir wirken. Das ist wirklich heilsam. Vielleicht ist es uns dann möglich, uns liebevoller zu betrachten und unseren Weg zu finden im Leben.

Und ja, jetzt ist er am Ende doch psychologisch geworden, der Beitrag. Ich bitte euch, das zu entschuldigen.

ISBN: 978-3-947727-13-1

Andreas Ulrich / Peter Engel (2021): Trude. Regensburg: edition buntehunde GdbR.

Werbung

Ein Kommentar zu „Trude

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s