Sommer

Ich bin ein Dorfkind, aufgewachsen in mitten eines dicht bewaldeten Tales. Für mich waren der Wald, die Natur und die Ruhe schon immer da und im Grunde nichts Besonderes. Im Gegenteil, je älter ich wurde, desto isolierter kam ich mir manchmal vor. Meine gleichaltrige Cousine, die in der Stadt wohnte, kam uns in ihren Ferien oft besuchen. Wenn wir uns heute treffen, sagt sie mir mit leuchtenden und etwas feuchten Augen, dass dies Momente waren, die sie noch heute tief in ihrem Herzen trägt. Das habe ich nie geahnt…

Dem südkoreanischen Mädchen Jihyun Kim, die in unserem Alter ist, ist es genau so ergangen. In ihrem poetischen Buch „Sommer“ erklärt sie:

„In einem kleinen Ort an einem See
verbrachte ich mehrere Tage.
Ich erinnere mich an einen dichten Wald,
an das warme Sonnenlicht
und die streichelnde Brise,
die mich sanft berührte.
An die Wellen des Sees
und an unzählige Sterne
am dunklen Nachthimmel. [...]"

Wir begleiten in diesem monochrom gehaltenen Buch einen kleinen Jungen, der mit seinen Eltern und seinem Hund in der Stadt wohnt. Er liebt Autos und er malt sie sehr gerne. Als wir auf den Jungen treffen, packt er gerade seinen Rucksack für einen Ausflug zu seine Großeltern, die auf dem Land wohnen.

Die ersten Seiten, bis zur Ankunft bei seinen Großeltern könnten so auch in anderen Bilderbüchern mit Text benutzt werden. Sie beschreiben quasi die Umstände und sind, für mich persönlich, eher neutral gehalten.

Doch alles wendet sich mit seiner Entscheidung, sich in die Natur vorzuwagen… Ich fühle eine innere Beklemmung, wenn ich ihn in so intimen Momenten begleite. Das muss ich ganz ehrlich zugeben. Da es ohne Text so still ist, habe ich das Gefühl, dass meine anderen Sinne geschärft werden und ich den Wald förmlich hören oder den Wind spüren kann. Ich bin dem Jungen nah, sehr nah. Ich folge ihm und seinem Hund unauffällig durch den Wald und erlebe mit, wie sie die Natur erkunden und einen verborgenen See mit Steg entdecken. Als er in das Wasser springt, hält die Zeit kurz an. Ich bin mit ihm unter Wasser und entdecke eine Welt, die ich so niemals erlebt hätte.

Abends kann ich förmlich hören, wie er sich mit seiner Familie über die Erlebnisse des Tages am Esstisch unterhält. Die Fenster des Hauses sind offen und ich spüre die Liebe, die diese Familie ausstrahlt.

Wenn der Junge später mit seinem Hund die Sterne beobachtet, sehe auch ich diesen Sternenhimmel und werde jäh in eine eigene, nicht allzu ferne Erinnerung katapultiert, in der ich zu Besuch bei meiner Familie bin. Auf der Motorhaube meines Autos in völliger Dunkelheit liegend, versuche ich einen Blick auf die Perseiden zu erhaschen. Ein sehr nahes Rascheln und Schniefen lässt mich aufhorchen und mein Herzschlag beschleunigt sich. Rehe…

Dieses Buch ist trotz seiner grau-blau gehaltenen Bilder so unglaublich farbenfroh. Er lässt uns tief verborgene Gefühle neu fühlen oder schöne Erinnerungen aufflackern. Diese vermeintliche Stille und die dadurch entstehende Intimität ist im ersten Moment wirklich gewöhnungsbedürftig. Aber das ist absolut verständlich, da wir in einer Welt leben, die uns mit Reizen überflutet und in der wir viele oberflächliche Bekanntschaften schließen. „Sommer“ ist eine Auszeit für das Denken – ein Aufatmen und zur Ruhe-kommen. Es ist wie ein kleiner Urlaub für die Seele.

Manchmal sind wir so beschäftigt, dass kostbare Momente unbemerkt an uns vorüberziehen.

Jihyun Kim

Ich danke dem Urachhaus Verlag für das Zusenden dieses zauberhaften Buches, welches auch meine kleine Leseratte sehr spannend findet! Sie hat die Geschichte verstanden und liebt es, Junge und Hund zu begleiten. Ständig möchte sie wissen, wer was sagt oder denkt. Ja, auch Hund, Katze und die vielen Fische. Gerade ertappe ich sie dabei, wie sie sich überlegt, dass der Junge später vielleicht gern Taucher werden möchte… Es ist einfach herrlich!

Jihyun Kim (2021): Sommer. Stuttgart: Urachhaus.

(ISBN: 978-3-8251-5275-8)

Buchtrailer „Sommer“ – Deutscher Buchtrailer Award 2021

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