Rotkäppchen

Hattet ihr als Kinder auch Angst vor bestimmten Tieren? Ich meine jetzt nicht unbedingt Drachen oder Monster unter dem Bett. Ich meine ganz reale Tiere, denen ihr möglicherweise begegnen könntet, wenn es der Zufall will.

Ich erinnere mich an meine Angst vor Füchsen. Es muss irgendwann in den frühen 90er Jahren gewesen sein und ich gerade in der Grundschule. Da kamen die Warnungen vor Tollwut auf und vor den mit ihr infizierten Füchsen. Es hieß damals, diese Füchse hätten keine Angst vorm Menschen. – Im Gegenteil, sie würden unsere Nähe suchen. Weiter hieß es, diese Tiere mit Schaum vorm Maul seien auf irgendeine Art aggressiv und könnten unsere Haustiere attackieren und sie somit anstecken.

Es war der reinste Horror für uns Kinder. Wir durften nicht mehr im Wald spielen und wurden absolut paranoid. Jeden Tag wurden in den Schulen neue Geschichten geteilt von Füchsen, die um Zelte schlichen, während die Kinder im heimischen Garten darin übernachteten. Wieder andere Kinder fanden „Fuchsbissspuren“ an alten Trinkflaschen, die jemand am Waldrand entsorgt hatte. (Keiner von uns kam damals auf die Idee, dass die Spuren von einem Menschen stammen könnten, der versuchte, die Flasche mit den Zähnen zu öffnen, weil er es mit der Hand nicht schaffte. Der Fuchs muss es gewesen sein. Ist doch klar.)

Mein persönlicher Horror waren Albträume von einem tollwütigen Fuchs, der die Hauswand hochkletterte und in mein Kinderzimmer kam. Durchs Fenster. – Logisch, das machen Füchse ja andauernd. Mit Logik war mir jedoch nicht beizukommen. Die Angst war real.

Warum erzähle ich euch das? Nun, die 40-seitige Rotkäppchen-Adaption von Adolfo Serra triggert genau diese Urangst der Menschen. Zumindest erkannte ich meine eigene Angst in diesem Buch wieder.

Wir kennen alle die Geschichte von Rotkäppchen, dem kleinen Mädchen, das seiner kranken Großmutter Wein und Kuchen bringen soll, damit diese wieder gesund wird. Im Wald begegnet sie dem Wolf, der später die Großmutter und dann Rotkäppchen selbst frisst. Erst der Jäger, der dem Wolf den Bauch aufschneidet, rettet die beiden.

Finde nur ich, dass Märchen ziemlich brutal sind? Seitdem ich meiner Tochter diese Märchen vorlese, frage ich mich, wie sie entstanden sein könnten. Wie kam es zu diesen Geschichten, die Tiere oder im Wald lebende, kräuterkundige Frauen so diffamieren konnten?

Ich könnte mir vorstellen, es war die Angst, die diese Geschichten schrieb. Die Angst der Menschen um ihre Liebsten oder, weniger romantisch, die Angst der Eltern, um ihre zukünftigen Versorger. Was würde denn aus ihnen werden, wenn den Kindern im Wald etwas passiert oder am Fluss?

Adolfo Serra hat dieses Spiel mit der Angst meisterlich umgesetzt. Wirklich! Ich verehre diesen Künstler, weil er ohne Worte genau das ausdrückt, was dieses Märchen ist – beklemmend. Wir begleiten Rotkäppchen in den Wald und nur wir Betrachter sehen das große Ganze. – Sehen, dass der Wolf omnipräsent ist.

Die Angst vor der unbekannten Natur in Form des Wolfes wird hier für uns greifbar – erlebbar. Und das auf eine zarte und teilweise verspielte Art. Die Bilder sind hauptsächlich in schwarz und rot gehalten. Die surrealen Darstellungen laden dazu ein, die Geschichte zu hinterfragen. Sie ermöglichen es uns, sie umzudeuten – anders zu erzählen. Rotkäppchen scheint in diesem Buch, trotz der allgegenwärtigen Gefahr, keine Angst zu haben. Das Mädchen geht einfach seinen Weg, begleitet von einem kleinen Schmetterling.

Genau das ist es nämlich, was Kinder ausmacht, wenn sie sich der Gefahr nicht bewusst sind. Sie vertrauen darauf, dass alles gut ist und sie in Sicherheit sind. Und genau das macht den großen Unterschied zwischen der „Lese-“ Erfahrung von uns Eltern und von unseren Kindern. Ich habe das Gefühl, wir schauen hier zwei komplett unterschiedliche Bücher an. Von Beklemmung oder gar Angst ist bei meiner kleinen Leseratte nämlich rein gar nichts zu spüren. Nein, sie überlegt sich, was der Wolf sagt und was ihn vielleicht verärgert haben könnte. Und das will echt was bedeutet, hatte sie doch bei den Sieben Geißlein eine leichte Furcht vor Wölfen entwickelt.

Vielleicht sollten wir Erwachsenen einfach wieder etwas Vertrauen in die Welt und die eigene Fantasie zulassen. Dann nämlich können wir die einzigartigen Möglichkeiten dieser poetischen Bücher ohne Worte vollends ausschöpfen.

Das Buch hinterlässt einen tiefen Eindruck und ich kann es euch wirklich uneingeschränkt empfehlen. Es ist ein neuer und erfrischender Umgang mit dem Märchen, der viel Raum zum Interpretieren, Erklären und Diskutieren bietet.

Ich danke dem aracari Verlag von ganzem Herzen, dass mir dieses großartige Buch als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt wurde.

Adolfo Serra (2013): Rotkäppchen. Zürich: aracari verlag. 2. Auflage.

(ISBN: 978-3-905945-32-4)

Ein Kommentar zu „Rotkäppchen

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