Maulwurfstadt

Ich denke, es ist letztes Frühjahr gewesen, als wir uns hier im Dresdner Großen Garten an einem Samstagmorgen mit Freunden getroffen haben. Die Kinder sind mit den Laufrädern über die Wege gezischt und wir hintendrein geschlendert. Plötzlich, an einer Wiese, fliegen die Laufräder in den Kies und die Kinder stürmen auf die Wiese. Was war geschehen? Die Wiese war über und über bedeckt mit Maulwurfshügeln. Die Leseratte war hin und weg, hatte sie doch gerade dieses Buch von Torben Kuhlmann gelesen und war nun wild entschlossen,ihrer Freundin zu erklären, wie solch ein Tierchen unter der Erde lebt.

Das Buch Maulwurfstadt fällt in die Rubrik „Poesie der Stille“. Es hat zwar kurze Textabschnitte, doch die dienen lediglich der Einleitung und dem Ausblick am Ende. Sonst kommt das Buch ganz ohne Worte aus und lebt von seinen imposanten Illustrationen.

Die Stimmung ist von Anfang an sehr düster, was natürlich auch der Tatsache geschuldet ist, dass Maulwürfe unter der Erde leben und es dort naturgemäß dunkel ist. Doch das ist nicht der einzige Grund für die Beklemmung, die ich als Erwachsene spüre. Es sei kurz angemerkt, dass die Leseratte munter und begeistert das Buch genossen hat.

Es handelt davon, wie sich Maulwürfe unter einer Wiese niederlassen und beginnen, dort eine Stadt zu bauen. Wir erhaschen kurze Einblicke in ihre Wohnhöhlen und sehen zu, wie sie sich immer tiefer in die Erde graben, um Wohnraum für alle ankommenden Maulwürfe zu schaffen. Zunächst geschieht dies noch ganz einfach mit Hacken, doch schon bald übernehme Dampfmaschinen die Arbeit, da sie effizienter sind. Die Industrielle Revolution hat begonnen, Straßenbahnen fahren horizontal und vertikal durch die Maulwurfstadt und Automobile. Dieser Fortschritt ist auch an der Oberfläche zu erkennen, die durch die Schornsteine, die die Abgase von unter der Erde ableiten, sichtlich gezeichnet ist. Am Ende ist von der Wiese nichts übrig, als ein kleines Fleckchen Gras.

Werden die Maulwürfe es schaffen, die Natur oberhalb der Maulwurfstadt zu schützen?

Dieses Buch rüttelt wach – ist schön und unbehaglich zugleich. Die wunderbaren und auch heimeligen Zeichnungen von Torben Kuhlmann halten uns einen Spiegel vor. Sitzen wir nicht, genau wie die Maulwürfe, gebannt vor den Geräten, währen die Welt um uns herum von einer unleugbaren Zerstörung bedroht wird? Was tun wir dagegen? Ist es zu spät, oder können wir etwas ändern? Können die Maulwürfe etwas zur Rettung der Welt um sie herum beitragen?

Ich bin froh, dass wir dieses Buch im Taschenbuchladen in Freiberg gefunden haben, denn es schafft ein Bewusstsein, auch schon für die jüngeren Kinder.

Torben Kuhlmann (2019): Maulwurfstadt. Zürich: NordSüd Verlag AG.

ISBN: 978-3-314-10274-5

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