Ich und meine Angst

Habt ihr manchmal Angst? Ich meine, so richtige Angst. Angst, die euch aus dem Schlaf schrecken lässt, zitternd und zähneklappernd. Angst, die euch die Kehle zuschnürt und die Tränen in die Augen treibt. Angst, die so groß ist, dass du dich erdrückt und überrumpelt fühlst – macht- und hilflos.

Seit einem Jahr begleitet mich meine Angst. Mal ist die groß wie ein Wolkenkratzer, mal klein wie eine Laus. Doch stets weiß ich sie bei mir. Und da sie ein Teil von mir ist, kennt die Leseratte sie natürlich auch. Sie spürt sie. Sie sieht sie in meinen Augen. Und es ist gut, dass sie dieses zarte Gefühl besitzt, Menschen zu lesen. Wir sprechen offen darüber, damit die Leseratte ihre Intuition bestätigt weiß und bestärkt wird, sich darauf zu verlassen, dass richtig ist, was sie fühlt.

Lange habe ich gehadert mit mir und der Frage, ob offen damit umgehen oder verstecken. Für beides bekam ich aus meinem Umfeld gute Argumente. Ich war verunsichert, bin es latent noch immer, doch dann entdeckte ich in der Bibliothek hier in Dresden dieses wunderbare Buch.

„Ich und meine Angst“ von der in Sardinien geborenen Illustratorin Francesca Sanna ist ein zartes Buch aus dem NordSüd Verlag. Es beschreibt die Freundschaft zwischen ihr als junges Mädchen und ihrer Angst.

Zärtlich beschreibt Francesca Sanna, wie ihre Angst sie behütet hat und ihr geholfen hat, die Welt zu entdecken und Dinge zu erforschen, wie es ein jedes Kind tut.

Wir begleiten sie bei ihrem Umzug in ein ihr fremdes Land und sehen mit mulmigem Gefühl zu, wie ihre kleine Freundin Angst immer größer wird – raumfüllend und lähmend.

Wir sehen, wie die große Angst die kleine Francesca festhält und beschützen will vor allem Neuen. Wie sich das Mädchen in der festen Umarmung windet und weg möchte, um das neue Land zu entdecken – erfolglos. Wir fühlen uns als Leser hilflos.

Die Angst macht sie taub für die Versuche anderer Kinder, mit ihr Kontakt aufzunehmen. Sie macht sie appetitlos, während die Angst sich mit Essen vollstopft. Sie macht sie schlaflos, während die Angst laut träumt. Die Angst macht das Mädchen einsam.

Doch eines Tages versucht ein Junge erneut Kontakt aufzunehmen mit Francesca – unter kritischen Blicke der riesigen Angst. Die beiden Kinder freunden sich an und die Angst wird kleiner.

Und noch etwas faszinierendes passiert. Francesca bemerkt, dass auch der Junge eine Angst zum Freund hat. Ein jedes Kind in ihrer Klasse. Sie ist nicht die Einzige.

Dieses Buch ist so unglaublich hilfreich, herzerwärmend und beruhigend wenngleich es die Angst zum Thema hat. Es zeigt eindrücklich, wie erdrückend Angst sein kann – wie lähmend. Sie zeigt uns, wie sich jene Menschen fühlen müssen, die neu in unser Land, in unsere Schule, in unsere Kita oder Nachbarschaft kommen.

„Ich und meine Angst“ ist besonders wertvoll, weil es mir die Kommunikation mit der Leseratte erleichtert, wenn es um den abstrakten Begriff Angst geht. Darum stelle ich es hier beim Wal im Kakao vor, obwohl es nicht in Reimen geschrieben wurde. Es ist in sich poetisch.

In den zarten, pastellfarbenen Bildern von Francesca Sanna wird die Angst sicht- und greifbar. Wenn meine Tochter und ich über Angst reden, kommen wir ein jedes Mal auf dieses Buch zu sprechen. Es ist schön, ihr zeigen zu können, dass Ängste unglaublich groß und mächtig erscheinen, sie aber auch klein werden können. Und das Wichtigste ist, dass sie uns eigentlich nur beschützen wollen und dass alle Menschen eine kleine Angst haben. Ich bin nicht allein mit meiner Angst. Ich bin einfach ein Mensch von vielen.

Ich finde die Nachbemerkung von Francesca Sanna sehr berührend, weswegen ich hier einen Auszug davon habe:

„Ich bin ein sehr ängstlicher Mensch, und während der Arbeit an diesem Buch wurde meine Angst manchmal so groß, dass sie mich überwältigte. Ohne die wertvolle Hilfe vieler Menschen hätte ich es nie geschafft. Zuallererst möchte ich all den Kindern danken, die ich in Schulen und Bibliotheken kennengelernt habe und die mir von ihren Ängsten erzählt haben, weil sie neu waren, anders waren oder aus fremden Ländern stammten. Sie haben verhindert, dass meine eigene Angst zu groß wurde. […]“

Francesca Sanna „Ich und meine Angst“

Danke, liebe Francesca, für dieses eindrückliche Buch! Danke, dass du offen und ehrlich über deine Ängste geschrieben und sie gezeichnet hast! Dank geht auch an Thomas Bodmer, der dieses wunderbare Bilderbuch übersetzt und es somit für den deutschsprachigen Raum verfügbar gemacht hat.

Dieses Buch sollte in keinem Bücherregal fehlen. Es gehört in Bibliotheken, Kitas, Schulen und natürlich in den Leseschrank zu Hause.

Es verwundert nicht, dass „Ich und meine Angst“ 2020 mit dem Schweizer Kinder- und Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde und ebenso das Siegel „KIMI – Das Siegel für Vielfalt“ bekommen hat.

ISBN: 978-3-314-10471-8

Francesca Sanna (2019): Ich und meine Angst. Zürich: NordSüd Verlag AG.

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