Lotte Siebengescheit geht in den Zoo und findet‘s gar nicht toll

Hattet ihr je Haustiere? Hund, Katze, Hamster, Rennmaus oder ähnliches? Als ich Kind war, hatten wir in der Familie eine Katze. Tatsächlich bis heute noch. Also nicht die selbe, aber eben immer eine pelzige Begleitung. Die lebten den größten Teil des Tages draußen und streunten da im Wald und auf den Wiesen rum.

Später hatte ich dann eine sehr lange Zeit Sittiche. Und da fing das Problem an, welches unser heutiges Buch behandelt. Ich hatte immer das Gefühl, dass es grausam ist, die Vögel in einer Voliere zu halten – und unsere Voliere war wirklich groß und die Vögel hatten Freiflug in der Wohnung. Und trotzdem, beim Blick aus dem Fenster stieg dieses unglaublich große, schlechte Gewissen in mir auf, hier etwas ganz Falsches zu tun.

Seitdem ich wusste, dass die Leseratte unterwegs ist, habe ich mich schweren Herzens von dem letzten Sittich verabschiedet, der noch bei uns wohnte. Und nun bin ich nicht bereit, je wieder ein Tier in unserem Haushalt aufzunehmen. Tiere gehören in ihr natürliches Lebensumfeld und nicht in unsere Wohnungen oder Häuser. Das findet die Leseratte nicht so toll, aber hier werde ich nicht nachgeben. Wir werden einen Weg finden, wie sie dennoch Tiere kennenlernen kann. Und wenn es da Helfen im Tierheim ist.

Ich möchte eine kurze Triggerwarung aussprechen. Dieses Buch geht an die Nieren. Das ist wirklich so. ABER, dieses Buch ist darum auch so wertvoll! Wenn unsere bisherigen Weltbilder erschüttert oder in Frage gestellt werden, dann ist das unangenehm, doch es lohnt sich, über den Tellerrand zu schauen und das eigene „Richtig“ immer wieder zu hinterfragen.

Kommen wir zu Lotte Siebengescheit. Die soll zusammen mit ihrer Oma in den Zoo gehen und das stößt bei ihr auf großes Missfallen:

„Ich möcht‘ nicht Löwen und Giraffen
In Käfige gesperrt begaffen.
Auch Elefanten tun mir leid,
Die rumstehn nur die ganze Zeit
Und traurig ihre Rüssel schwenken,
Wenn sie an ihre Heimat denken.
Die Eisbärn drehn sich nur im Kreise,
Nein, Zoobesuch ist große Sch…“

Nachdem ihre Mutter sie zurechtweist, fügt sich Lotte doch und begleitet ihre Oma in den Zoo. Dort kann sie Stück für Stück ihre Großmutter mit der Zoorealität konfrontieren und sie aufklären, wie es in Wahrheit um die Tiere und die Tierbeschaffung in den Zoos steht.

Dieses Buch rüttelt mich wach und ist unangenehm. Vielmehr ist es nicht das Buch, sondern das Thema, welches mich bereits seit einiger Zeit beschäftigt. Wir Erwachsenen gehen im Normalfall selten in den Zoo und haben kaum Berührungspunkte, aber sobald wir Eltern werden, kommt dieses Thema früher oder später auf den Tisch.

Und Lotte hat völlig Recht, dass der Zoo ein Knast ist. Sie zeigt ihrer Oma, die sich über die frei laufenden Vögel freut, dass diese nur scheinbar frei sind. Ihnen wurden die Flügel gestutzt, so dass sie nicht wegfliegen können. Das hat also nichts mit Freiheit zu tun.

Wir sehen, dass die Tiere viel zu wenig Platz haben, ihr Lebensraum karg und lieblos ist und sie stumpfsinnig vor sich hin vegetieren. Sei es in den engen Gehegen, am „offenen“ Teich, im viel zu kleinen Aquarium oder dem von Kindergeschrei erschütterten Affenhaus.

„Tiere, die gebor’n zum Wandern,
Zu Fuß, von einem Ort zum andern,
Hier mit ausdruckslosem Blick,
Ein paar Meter, vor, zurück
Sie allenfalls noch gehen können.
So sehr wär‘s ihnen doch zu gönnen,
Wie ihre freien Artverwandten
Das sie als richt‘ge Elefanten
Hunderte von Meilen gehn,
Statt untätig nur rumzustehn.“

Ich wollte dieses Buch unbedingt vorstellen, als ich es entdeckt hatte und bin dem Alibri Verlag sehr dankbar, dass sie mir dieses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.

Es ist unglaublich, wie Colin Goldner, seines Zeichens Psychotherapeut und engagierter Tierrechtler, den Spannungsbogen mittels Reimen bis zum Ende des Buches aufrecht zu erhalten vermag. Wir sprechen hier immerhin von über 50 Seiten. Die Verse sind frisch und knackig. Sie sind fließend und erklären dabei Themen, die ich so noch nie in einem Kinderbuch in Reimform gefunden habe.

Colin Goldner polarisiert – ganz klar. (Hier gibt es ein Interview mit ihm zum Buch.) Und sicherlich wird nicht jede*r von euch dieses Buch mögen. Aber es ist eine einzigartige Möglichkeit, sich der Themen „Tierrechte, Tierhaltung, Zoo etc.“ anzunehmen und mit seinen Kindern zu besprechen. Es ist unbequem und ich musste nach den ersten Seiten aufhören, es meiner Leseratte (Stand 2022: 4 Jahre alt) vorzulesen. Es hat mich in meinen eigenen Grundfesten erschüttert. Das bedeutet aber nicht, dass ich es mit ihr nicht lesen und besprechen werde. Das Thema Tierwohl steht bei uns immer im Raum und wir sprechen ganz offen darüber, woher unser Essen kommt. Ich finde, das sind wir unseren Kindern schuldig. Das ist Ehrlichkeit. Und nur so können sie ihre eigenen Entscheidungen treffen lernen mit allen Konsequenzen.

Hier könnt ihr euch den ganzen Text anhören.

Die Bilder im Buch sind großartig, unglaublich aufwändig und ein wunderbarer Ansatz! Krystyna und Manuel Valverde haben hier eine Welt ganz aus Knete geschaffen. Sie wirkt ziemlich düster, was natürlich dem Thema des Buches geschuldet ist. Wo die Menschen vielleicht etwas steif wirken, haben sie es geschafft, die Tiere im Zoo unverfälscht in Szene zu setzen. Die Modellierungen sind eine perfekte Stütze für den nebenstehenden Text.

Ich weiß, dass ich immer sage, dass Kinder nie zu jung sind für Reime und Gedichte. Nur in diesem Fall würde ich empfehlen, es mit Kindern zu lesen, die bereits in der Schule sind. Überhaupt sollte das Thema Tierschutz sowie eine kritische Auseinandersetzung mit den Institutionen Zoo und Zirkus unbedingt in der Schule ermöglicht werden. Der Alibri Verlag gibt als Altersempfehlung 8 Jahren an. Das finde ich auch.

Lotte Siebengescheit hilft uns Eltern, unsere eigenen Glaubenssätze zu hinterfragen und liefert uns ganz konkrete Erklärungen, warum es eben nicht OK ist, Zoos oder Zirkusse zu unterstützen. Und nur, weil es „immer so war“ und doch „alle Kinder gern in den Zoo gehen“, bedeutet das nicht, dass es richtig ist. Wir sind die Vorbilder unserer Kinder. Wir sollten authentisch sein und ihnen die Wahrheit sagen. Somit haben unsere Kinder die besten Voraussetzungen, eigenständig Entscheidungen zu treffen, mit allen Informationen.

Ich danke Colin Goldner und Krystyna und Manuel Valverde, dass sie sich nicht gescheut haben, dieses Thema anzugehen und natürlich dem Alibri Verlag, der diese besonderen Bücher verlegt.

Colin Goldner / Krystyna und Manuel Valverde (2018): Lotte Siebengescheit geht in den Zoo und findet‘s gar nicht toll. Aschaffenburg: Alibri Verlag GmbH.

ISBN: 978-3-86569-297-9

2 Kommentare zu „Lotte Siebengescheit geht in den Zoo und findet‘s gar nicht toll

  1. Wow. Marie, du sprichst mir aus der Seele! Ich habe schon lange für mich beschlossen, nie wieder in einen Zoo zu gehen, aber meine Holde ist leider der Meinung, „dass das irgendwie dazu gehört“, und war mit unserem größeren Wicht schon zwei Mal dort. Ich werde ihr also erst mal das Buch vorlegen, und bei den Kindern dann noch warten, bis sie alt genug sind. 😀

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    1. Hej Micha, schön, dass dir die Rezension und das Thema zusprechen! 🙂
      Ich verstehe deine Liebste schon. Es ist ja auch so an uns weiter gegeben worden über Generationen. Aber wir können den Unterschied machen und das geht auch in kleinen Schritten. 😉

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