Don‘t Ask the Dragon

Seid ihr stark an einem Ort verwurzelt? Wo seid ihr zu Hause? Kennt ihr das Gefühl der Heimatverbundenheit? Ich bin mit 16 Jahren bei meinen Eltern ausgezogen, um in einem anderen Bundesland mein Abitur und Ausbildung zu machen. Dann wieder umgezogen, um zu studieren. Es folgten diverse weitere Umzüge – ich war rastlos und fragte mich stets ob ich mich an dem jeweiligen Ort eigentlich zu Hause fühle und endlich angekommen bin.

Ich denke, erst jetzt, wo ich eine Mutter bin, komme ich langsam zur Ruhe und verstehe, was zu Hause oder Heimat bedeutet. Davon handelt auch dieses wundervolle, englischsprachige Buch von Lemn Sissay und Greg Stobbs.

In „Don‘t Ask the Dragon“ macht sich der kleine Junge Alem an seinem Geburtstag auf den Weg, etwas zu finden, was er „zu Hause“ nennen könnte. Er trifft auf Bären, den Fuchs, ein Erdmännchen, einen Laubfrosch, eine Fledermaus und eine Bulldogge und er wird nicht müde sie zu fragen: „It‘s my birthday. Where shall I go?“ und die Antwort ist immer „I don‘t know“.

Wie traurig und auch gruselig, da dieser Antwort stets die Warnung folgt, um Himmels Willen nicht den Drachen zu fragen, da dieser ihn auffressen werde.

Alem geht gedankenverloren weiter, mit den befragten Tieren im Schlepptau, und trifft natürlich auf den sagenumwobenen, riesigen, breit grinsenden Drachen.

Doch anstatt Alem zu verspeisen, bedeutet der Drache ihm, zum Tee zu bleiben und zu warten, bis er sich seinen Eintopf fertig gekocht hat. Vick, wie der Drache heißt ist nämlich Vegetarier. Und nicht nur das, er ist auch der „Drache der Wörter“ und erklärt Alem, dass sein Name „Die Welt“ bedeutet.

Vick führt Alem an den Ort, den der Junge gesucht hat, in das Städtchen „I don‘t know“. Dorthin gehen nur die Mutigsten und dort feiern alle zusammen Alems Geburtstag mit reichlich Eintopf. Hier bemerkt Alem strahlend, dass die Heimat, die er suchte, bereits die ganze Zeit in ihm war.

Dieses Bilderbuch, welches in feinen, kleinen Kinderreimen geschrieben ist, hat mich sehr berührt, fasst es doch genau das in Worte, was ich über Jahre gefühlt hatte. Es gibt nicht einen Ort, der Heimat oder zu Hause ist, nein, wir tragen ihn bereits in uns und das macht es uns möglich, überall glücklich und angekommen zu sein.

Ich glaube, Kinder sind mit diesem Gefühl noch direkter verbunden, als wir Erwachsenen, die den Zugang zum eigenen Körper und Gefühlsleben verloren haben. Genau für uns ist das Buch „Don‘t Ask the Dragon“ eine Wohltat und heilsam.

Natürlich lieben die Kinder es garantiert auch. Die Leseratte ist begeistert und so muss ich es immer zwei Mal vorlesen – zuerst das Original und dann die Übersetzung. Die Illustrationen sind fantastisch. Wirklich ganz groß! Das Buch ist bunt und trotzdem minimalistisch, was den Text angeht. Es wirkt nicht überladen, sondern genau so, wie ich mir als Kind die Welt vorgestellt hätte. Da hat Greg Stobbs, welcher Brücken schlägt zwischen Streetart und bildender Kunst, ganze Arbeit geleistet.

Die Metapher von Alems Rucksacks ist grandios! Er trägt nämlich von Beginn an eine kleine Stadt auf dem Rücken. Er hat also sein zu Hause immer schon dabei gehabt – wie eine Schnecke. Der britische Autor mit äthiopischen Wurzeln, Lemn Sissay, zeigt hier in diesem Kinderbuch sehr viel Witz und Feingefühl und es ist nicht verwunderlich, wieso er Auszeichnungen über Auszeichnungen einheimst und 2012 sogar offizieller Dichter der Olympischen Spiele wurde.

Natürlich ist es auch ganz großartig, dass Alem eine „Person of Color“ ist und wir ihn auf deiner Suche begleiten können, an deren Ende eben nicht nur die Heimat steht, sondern vor allem viele verschiedene, neue Freunde und so unglaublich viel Herzlichkeit. Das ist es doch – die Essenz von Heimat: So angenommen zu werden, wie man ist, von anderen und sich selbst, und umgeben zu sein von Individuen, die einen lieben und denen man vertrauen kann.

Macht euch wegen der Sprache keine Gedanken! Das Buch ist wirklich so einfach geschrieben, dass es im Prinzip jede*r von euch vorlesen oder ganz leicht übersetzen kann. Wir sehen einmal mehr, dass es nicht auf die Quantität der Worte ankommt, sondern auf das, was sich um die wenigen Worte herum aufbaut. Es lohnt sich in jedem Fall!

Lemn Sissay / Greg Stobbs (2022): Don‘t Ask the Dragon. Edinburgh: Canongate Books Ltd.

ISBN: 9781838854003

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