Der fliegende Großvater

Es gibt diese Bücher, die sind Jahre lang verschwunden – begraben in einer Kiste irgendwo auf dem Dachboden. Sie geraten ins Vergessen – schlafen einen langen und tiefen Schlaf. Und plötzlich entscheidet sich jemand ein Buchblog zu schreiben und zwingt die ganze Familie zu überlegen, wo die alten Bücher mit den Reimen sind.

Und dann ist es da wieder – dieses eine Buch, bei dessen Titel es irgendwo ganz hinten im Kopf klingelt, aber man noch kein direktes Bild hat. Ja klar, es ist bekannt, aber der Inhalt?

Mein Vati schickte mir also all die verschollenen Bücher aus der ominösen Kiste und plötzlich halte ich „Der fliegende Großvater“ nach Jahrzehnten wieder in Händen. Und als ich es zu lesen beginne, werde ich wieder in meine früheste Kindheit zurück katapultiert. Natürlich! Mein Opa und auch mein Vati mussten mir damals immer Drachen bauen. Mit Gesicht und mit Schleifen behangenem langen Schwanz. Und ja, genau, meine Drachen hießen immer Eduard. Wie konnte ich das um alles in der Welt vergessen?!?

Heinz Behling und Heinz Kahlow schrieben 1961 diese wunderbare Geschichte über Rainer und seinen Opa. Rainer weint, weil er so gerne einen riesengroßen Drachen haben möchte. Sein Drache ist ihm nämlich viel zu klein.

Opa sagt als kluger Mann:
„Darauf kommt es gar nicht an,
Ob er größer oder kleiner.
Fliegen muß er können, Rainer.“

Da Rainer sich aber nicht umstimmen lässt, bauen Opa und Enkel zusammen einen wahrhaft riesenhaften Drachen, den Rainer Eduard nennt. Dieser Drache ist allerdings so unglaublich groß, dass er, als der Wind ihn steigen lässt, Junge und Opa mit in die Lüfte reißt.

„Eduard zieht mit Gewalt -
Opa findet keinen Halt,
und er schimpft und kommt ins Schwitzen,
während sie gen Himmel flitzen.“

Die Menschen, die die drei fliegen sehen sind ziemlich verwirrt und alle Unternehmungen, sie zu retten, schlagen fehl. Als sie in ein Gewitter geraten, wird Eduard sogar verletzt… Oh nein!

Ob und wie alle wieder sicher auf der Erde landen müsst ihr selbst herausfinden, falls ihr das Buch noch irgendwo auftreiben könnt. Sagen wir mal so: ein Heuhaufen und Opas schwarzer Regenschirm spielen eine nicht unwesentliche Rolle.

Heinz Behlings Illustrationen strotzen von Lebendigkeit woran die unterschiedlichen Perspektiven der Bilder einen maßgeblichen Anteil haben. Es ist wirklich aufregend, Enkel und Opa bei ihrem Abenteuer mit Eduard zu begleiten. Ja, die Bilder sind so toll, dass die Kinder unserer Familie sie abpausten indem sie Linien nachzeichneten oder Hintergründe kolorierten. Dieses Buch wurde eben nicht nur gelesen, sondern mit allen Sinnen erlebt.

Die Verse von Heinz Kahlow sind so einprägsam und wortgewandt, dass sie von allein ihren Weg in das Gedächtnis finden und sich dort festsetzen. Ich liebe es wirklich, wie diese sich nie wiederholenden Paarreime das ganze Abenteuer wunderbar lebendig und blumig beschreiben. Als Leser haben wir das Gefühl mitten drin im Geschehen zu sein. Die Hast und Eile beim Rettungsversuch durch die Feuerwehr lässt sich in den Versen greifen.

Ich wünsche euch allen, dass ihr einmal die Möglichkeit habt, dieses Buch selbst, oder es euren Liebsten vor zu lesen. Es ist eine wirkliche Bereicherung und ein Genuss, nicht nur an den kühlen Herbsttagen.

1965 wurde das Buch sogar als DEFA Zeichentrick-Kurzfilm herausgegeben.

Soweit ich gesehen habe, wurde das Buch vom Eulenspiegelverlag 1995 noch einmal aufgelegt, ist aber heute nur noch antiquarisch zu bekommen. Das ist sehr schade, da es sehr einprägsam und wirklich unterhaltsam ist.

Heinz Behling / Heinz Kahlow (1961): Der fliegende Großvater. Leipzig: Dr. Herbert Schulze Buch- und Kunstverlag Nachf.

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