Jules Ratte – Oder selber lernen macht schlau

Auf der Luisenstraße hier in Dresden gibt es einen kleinen, unscheinbaren Buchladen – Büchers Best. Als ich ihn das erste Mal aufsuchen wollte, bin ich glatt daran vorbei gelaufen und es bedurfte noch eines weiteren Anlaufs, ihn zu finden. Nun gut, es ist allgemein bekannt: Will man etwas gut verbergen, platziert man es offensichtlich.

Der heimliche Herrscher dieses Buchreichs ist der Burmakater Myamoto Musashi. (Eigens für ihn eingerichtet ist die KKK, die Kater/Kaffe-Kasse.) Ich liebe diesen Laden, bietet er doch eine ausgefallene Auswahl an Lektüre aus allen Sparten. Die Kinderbuchabteilung gleicht einem unerforschten Dschungel. Es ist jedes Mal ein Abenteuer, hier ein Buch zu suchen. Meist gestaltet es sich so, dass ich mit etwas komplett anderem aus dem Laden komme, als ich eigentlich kaufen wollte.

So kam auch dieses Buch zu uns. Naja, eigentlich sollte es nur kurz bei uns bleiben und dann als Geschenk in der Familie weiterziehen… Aber wie das so ist mit Büchern – sie bleiben irgendwie hier hängen. Dafür gab es in diesem Fall zwei Gründe: Zum Einen war ich mir wirklich unsicher, ob ein Buch über eine Ratte und ein lernfaules Kind nicht unterschwellig beleidigend für das zu beschenkende Kind sein könnte. Und zum Anderen ist uns „Jules Ratte“ schon beim ersten Lesen sehr ans Herz gewachsen und meine kleine Leseratte wollte das Buch auf gar keinen Fall weg geben. Ich solle doch einfach noch eins kaufen und das dann verschenken. Nun ja…

Ein Kind mit Namen Jule Janke
Sah eines Morgens, blaß vor Schreck,
Es warn in ihrem Bücherschranke
All die gelehrten Bücher weg.

Da lag nur noch im Hintergrunde
Eine benagte Heimatkunde,
Und ein paar Schnipsel von Papier,
Die lagen traurig neben ihr.

Dieser Kinderbuchklassiker von Peter Hacks (1928 – 2003), den Klaus Ensikat (Jg. 1937) wundervoll illustrierte, erschien erstmals 1982. Er erzählt vom Mädchen Jule Janke, dessen Bücher sich eine wissbegierige Wanderratte einverleibt. Doch Jule ist schlau. Sie fängt die Ratte und verabredet mit ihr, dass sie ihr bei den Schularbeiten und auch in der Schule helfen möge.

„Die Ratte, welches alles Wissen
Der Welt in ihrem Magen trug,
Hat auf dem Schreibtisch sitzen müssen,
Sobald das Kind sein Heft aufschlug.“

Der Traum eines jeden Schulkindes – die Hausaufgaben und die Antworten im Unterricht jemand anderem überlassen. Das ist bequem, ohne Frage. Doch was geschieht, wenn die Wanderratten plötzlich weiterziehen und von einem Tag auf den anderen verschwunden sind? Dann kann es ganz schön peinlich werden und das Buch schließt mit den Worten:

„Nur eigne Weisheit macht den Weisen.
Ratgeber könnten mal verreisen.
Der kluge Freund lässt dich im Stich.
Dann fragst du wen? 

Dann fragst du dich.“

Eine universell passende Moral der Versgeschichte, die mich nun doch überzeugt, das Buch zu verschenken. Nein, nicht unseres, sondern ein zweites.

Ich möchte noch etwas zu den wunderschönen Illustrationen von Klaus Ensikat sagen. Er schafft es, eigentlich Verborgenes auf gewitzte Weise darzustellen, indem er Wände oder Dächer einfach auflöst. Überall gibt es etwas Kleines und Interessantes zu entdecken. Das Spiel mit den Perspektiven ist dabei ebenso sensationell wie die realistische Darstellung der Protagonisten.

Zum Glück hat der Eulenspiegel Kinderbuchverlag diesen Klassiker 2015 wieder aufgelegt, sodass er noch vielen Kindern zugänglich gemacht werden kann. Vom Verlag wird ein Lesealter von sechs Jahren empfohlen. Das ist sicherlich richtig, um den Hintergedanken zu verstehen. Meine Tochter ist jetzt drei Jahre alt und erfreut sich sehr an der dickgefressenen Ratte die mit ihrem Schwanz schreibt oder mit in die Schule gehen darf.

Ich wünsche euch und euren Kindern sehr viel Spaß beim Lesen und Schmunzeln.

Zu beziehen ist es hier

Peter Hacks / Klaus Ensikat (2015): „Jules Ratte – Oder selber lernen macht schlau“. Berlin: Eulenspiegel Kinderbuchverlag.

2 Kommentare zu „Jules Ratte – Oder selber lernen macht schlau

  1. Hmmm, sag, verborgst du das Buch auch mal? Für die Zeit des Tauschs bieten wir ein kleines, realistisches aber freundlich gezeichnetes Heftchen über den Wolf. 🙂 Gerade Bücher, die „Nutz-” oder „Hass”-Tiere mal aus einer anderen Perspektive darstellen, interessieren mich doch sehr.

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  2. Hallo Micha, wenn meine kleine Leseratte es aus den Händen gibt, dann leihen wir es euch sehr gerne. Auf das Buch mit dem Wolf bin ich ja echt gespannt, weil das Unbehagen vor dem Wolf hier leider auch Einzug gehalten hat…

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